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Interview: Medizinstudium in Tschechien

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Anna Middendorf (29) hat ihr Medizinstudium an der renommierten Karls-Universität in Hradec Králové (auf Deutsch Königgrätz) erfolgreich abgeschlossen. SiA sprach mit ihr über das Studieren an einer der besten Hochschulen Europas und das Studentenleben in der kleinen Stadt nahe Prag.

anna middendorfWieso hast du im Ausland studiert?

Ich habe mich damals aus verschiedenen Gründen über ein Studium außerhalb Deutschlands informiert. Hauptsächlich, weil ich schon einmal in Kanada gelebt habe und gar nicht unbedingt in Deutschland arbeiten bzw. studieren wollte. Mir ging es dabei vor allem darum, mein Studium auf Englisch zu absolvieren. Zum einen, weil ich die englische Sprache so mag und zum anderen, weil ich nach Abschluss des Studiums ohne Umgewöhnung im englischsprachigen Ausland arbeiten wollte. Dazu kam, dass ich vor Studienbeginn schon eine Ausbildung zur Logopädin gemacht hatte, weshalb ich dann direkt starten und nicht erst ein oder sogar noch mehrere Wartesemester warten wollte. Das ist aber in Deutschland fast unmöglich, wenn man nicht gerade ein Abitur von 1.0 hingelegt hat.

Wie kamst du darauf an der Karls-Universität in Königgrätz zu studieren?

Nach einiger Recherche im Internet kam ich schnell auf die Karls-Universität. Diese ist auf den Weltranglisten unter den besten 300 Hochschulen, somit weit vor den meisten deutschen Universitäten und bietet ein international anerkanntes Studium an. 

 Wie lief das Studium ab?

Wie in Deutschland, ist es in einen vorklinischen und einen klinischen Teil geteilt. Die ersten drei Jahre sind daher hauptsächlich Theorie, aber danach geht es regelmäßig in die Klinik, um mit Patienten zu arbeiten.

Wie war die Betreuung und die Ausstattung an der Uni?

Der Campus ist zweigeteilt. Einiges findet im alten Unigebäude statt und anderes am super modernen, neu gebauten Campus direkt am Krankenhaus. Die Ausstattung dort ist hochmodern. Die Betreuung während des Studiums ist sehr gut. Besonders das Zahlenverhältnis zwischen Professoren und Studenten ist kaum zu toppen. In den klinischen Jahren arbeitet man generell in Gruppen von nicht mehr als fünf Studenten an den Patienten und hat einen Arzt als Hauptsupervisor.

Während ich von meinen Freunden in Deutschland hörte wie sie in Hörsälen mit teilweise 200 Studenten zusammengepfercht Vorlesungen verfolgen müssen, saßen wir mit maximal 70 Studenten in einem Hörsaal. Da in den ersten zwei Semestern sehr "gesiebt" wurde, schrumpfte mein Jahrgang von circa 70 auf um die 35 Studenten. Das ist erst einmal abschreckend für jemanden, der sich bewerben möchte, es macht aber das Studium für diejenigen, die sich durchsetzen können umso intensiver.

Wie kamst du mit dem Studium zurecht?

Man merkt schon, dass die Karls-Universität einen Ruf zu verteidigen hat, was das Studium besonders im ersten Jahr ziemlich anspruchsvoll macht. Vier bis sechs Prüfungen verteilt auf eine Fünf-Tage-Woche sind da keine Seltenheit. Hinzu kommt das Gewöhnen an ein fremdes Land, eine andere Kultur und das Erlernen einer neuen Sprache. Während diese Faktoren für viele Ausschlusskriterien darstellen, haben sie mir noch mehr Anreiz gegeben, mich um einen der begehrten Plätze zu bemühen.

Insgesamt hat man, besonders in den ersten zwei Semestern, unglaublich viele Tests und es wird definitiv viel verlangt. Hauptsächlich sind diese "Vortests", sogenannte "Credits", erst einmal schriftlich, aber die Semesterabschlussprüfungen sind zu 90% mündlich. Mit der richtigen Organisation und vor allem einer guten Motivation ist der Workload machbar und ich bin generell sehr gut zurecht gekommen. Jeder fällt mal irgendwo durch, aber solange es nicht zur Gewohnheit wird, kann man das meiste wieder gerade biegen. In einer sogenannten "Creditweek" bin ich demnach nie gelandet. Das ist die Woche am Ende des Semesters, in der die Studenten, die ein paar Tests zu viel nicht bestanden haben, alles wiederholen müssen, was anfällt. Auch wenn die Durchfallrate hoch ist, so hört man doch immer wieder von den Studenten in den höheren Semestern, dass die, die es wirklich wollen es auch schaffen. Und das kann ich nun nach Ende meines Studiums nur bestätigen. Ich behaupte zwar, dass man es eventuell an der ein oder anderen Universität leichter haben kann, aber einfach ist ein Medizinstudium doch sowieso nirgendwo.

Wie war das Studentenleben in Königgrätz?

Besonders gefallen hat mir, dass man mit so vielen verschiedenen Kulturen zusammen studiert und lebt. Der internationale Studiengang ist weltweit bekannt und bringt unglaublich viele verschiedene Nationalitäten zusammen. Zudem sind die Preise in Tschechien für deutsche Studenten einfach unglaublich. In Restaurants essen zu gehen ist oft nur halb so teuer wie beispielsweise in Hamburg. Auch das Feiern und die damit verbundenen Getränke sind um einiges billiger. Königgrätz bietet Kinos, Bars und Clubs und einige engagierte Studentenorganisationen organisieren in regelmäßigen Abständen Events für internationale und tschechische Studenten.

Das lokale Eishockeyteam ist bekannt und hat sein eigenes Stadion direkt in der Stadt. Viele Studenten besuchen die Spiele, die in der Saison hauptsächlich freitags stattfinden. So einen Abend im Stadion kann ich nur jedem empfehlen. Für die Studenten aus Dubai, London, Berlin oder anderen Großstädten wirkt das Freizeitangebot auf den ersten Blick trotz dessen klein. Auch ich kann bestätigen das man nach einiger Zeit oft in den gleichen Clubs und Bars landet und es manchmal etwas eintönig werden kann. Allerdings hat auch das Vorteile und mir persönlich hat an Königgrätz gefallen, dass es eben keine anonyme Großstadt ist, sondern ein gutes Mittelding darstellt. Für diejenigen von uns, die gerne Sport machen, bietet Königgrätz viele Fitnessstudios für ein Workout nach der Uni oder auch tolle Parkanlagen und gut in Stand gehaltene Wege entlang der Elbe für ausgiebige Laufrunden an. Insgesamt gibt es also immer etwas zu tun.

Wie würdest du die Stadt beschreiben?

Hradec Králové ist eine idyllische, grüne und generell ruhige Stadt. Die Stadtteile "Old Town" und "New Town" sind durch Brücken über die Elbe verbunden und bei einem Spaziergang durch die Stadt kann man die vielen wunderschönen Altbauten bestaunen. Es ist eigentlich alles zu Fuß zu erreichen, aber auch das Busnetz ist gut etabliert und Taxis rund um den Stadtkern kosten nur um die vier Euro pro Fahrt. Braucht man mal Abwechslung, kommt man in Prag auf seine Kosten. Die Hauptstadt ist immerhin nur eine einstündige Zugfahrt für ungefähr vier Euro entfernt.

Ich erinnere mich das besonders mein Vater damals anfänglich um meine Sicherheit besorgt war, aber gleich zu Beginn haben wir gemerkt, dass diese Sorge unbegründet war.

Was hat dir besonders und was hat dir gar nicht gefallen?

Gar nicht gefallen hat mir die kühle und teilweise wirklich unfreundliche Art einiger Tschechen. Man kann das nicht generalisieren. Einige sind wirklich offen und freundlich und ich habe auch sehr gute tschechische Freunde gefunden. Dennoch ist es etwas, das leider auffällt. Auch mit der englischen Sprache tun sich (selbst die jungen!) Leute schwer. Bevor ich Tschechisch gelernt habe, bin ich manchmal besser mit Deutsch weitergekommen. Wenn man mal fragt wieso das eigentlich so ist, dann hört man oft, der Kommunismus sei schuld, aber ich kann das bis heute nicht wirklich als Begründung akzeptieren. Deshalb würde ich nach dem Studium nicht in Tschechien leben wollen.

Das Multikulturelle Miteinander unter den internationalen (und vereinzelt auch tschechischen) Studenten hat mir besonders gefallen. Das hat mich nicht nur persönlich weitergebracht, sondern wird mir auch in Zukunft beruflich helfen. Schließlich arbeitet man als Arzt auch mit Menschen verschiedener Kulturkreise eng zusammen, auf die ich mich dank meiner Erfahrungen nun viel besser einstellen kann. Und wer hat schon Freunde in aller Welt? Dafür bin ich unglaublich dankbar und ich würde mein Medizinstudium immer wieder an der Karls-Universität absolvieren. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Interview und Text: Nora Backhaus

 

Kostenfreie Studienberatung zur Bewerbung an der Karls-Universität, Medizinische Fakultät in Hradec Králové durch Finde Academic - Internationale Studienberatung und Vermittlung in Hamburg. Hier geht's zur Webseite und zur Beratungsanfrage

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